Historischer Verein Memmingen

Geschichtsforschung - Heimatpflege - Denkmalschutz

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Sanierungsgebiet zwischen Kalch-, Bahnhof- und Maximilianstraße (sog. Bahnhofsareal)

Im Vorfeld einer bereits seit einiger Zeit öffentlich diskutierten Sanierung und Aufwertung des durch Fliegerangriffe 1944/45 und Gebäudeabbrüche in Mitleidenschaft gezogenen Areals informiert der Historische Verein über Erinnerungsorte in diesem scheinbar so geschichtslosen Stadtquartier (vgl. Stadtmodell 1822-1830 im Stadtmuseum Memmingen). Seit 2011 hat der Historische Verein mehrfach Stellung bezogen oder auf bemerkenswerte Erinnerungsorte innerhalb des Sanierungsgebietes hingewiesen. Mehr Informationen finden Sie hier.

Im Areal sind Spuren reichsstädtischer Geschichte (Stadtmauerreste, Gebäude an Kalchstraße, Rosen- und Heidengasse) ebenso zu finden wie Bauwerke, die vom Aufbruch Memmingens seit dem Anschluss der Stadt ans Eisenbahnnetz zeugen (Bahnhof- und Maximilianstraße).

14. Jahrhundert (Stadtmauer)

Quartier im Stadtmodell 1830
Quartier im Stadtmodell 1830
Quartier im Urkataster 1819
Quartier im Urkataster 1819
Stadtmauer mit Kalchtor vor 1862

15./16. Jahrhundert (Heiden- und Rosengasse)

Gebäude an der Heidengasse um 1900
Rosengasse 1935
Rosengasse 1935

16./17. Jahrhundert (Kalchstraße)

Kalchstraße um 1900
Kalchstraße 1949
Gasthaus zum Rad

19. Jahrhundert (Bahnhof- und Maximilianstraße)

Bahnhof von 1862 und Bebauung an der Bahnhofstraße
Bahnhof von 1862
Bahnhofstr. 2 um 1900
Fassade der Malzfabrik 1871

20. Jahrhundert (Kino)

Veranstaltung der NSDAP im Kino
Kino-Vorführraum
Relief im Kino

  

Stellungnahmen und Veröffentlichungen

Flyer "Der Vergangenheit eine Zukunft geben" (2011)

Essay "Ein Memminger Palais am Tor zur Welt" (2014)

Mit der Abtragung des Kalchtores und der Stadtmauerpartie bis zum Lindentörle begann im Januar 1862 für Memmingen ein neuer Zeitabschnitt. Schon im Oktober des gleichen Jahres konnte das neue Bahnhofsgebäude und damit das Tor zur Welt eröffnet werden. Bürger und Kaufleute siedelten sich entlang der Bahnhofstraße an – darunter der Fabrikbesitzer Philipp von Hartlieb, Sprößling einer reichsstädtischen Patrizierfamilie (1807-1875). Die Entwürfe für das großbürgerliche Palais stammten von seinem Schwiegersohn, dem kgl. Bauinspektor Hugo Kern von Kernried, 1887 ging das Anwesen an Philipp Vogler vom Gasthof zum Falken über; Pläne für eine Umwandlung des Hauses in ein Hotel mit Restaurant stießen allerdings auf Ablehnung beim Stadtmagistrat. Das Wohnhaus wurde ab 1905 zur Heimat für die Familie des jüdischen Pferdehändlers Max Guggenheimer, ehe die nationalsozialistische Judenverfolgung Guggenheimer 1939 zur Betriebsaufgabe, zum Hausverkauf und zur Emigration nach Brasilien zwang. Zum von der Stadt beabsichtigten Abbruch des Hauses kam es nicht. 1945 bezog der US-amerikanische Geheimdienst CIC einige Räume. Anfang der 50er Jahre wurde das Haus rückerstattet und schließlich an die Raiffeisenbank verkauft, die dort eine Filiale einrichtete.

Statement "Möglichkeiten und Grenzen moderner Architektur" (2015)

Nicht nur die ältesten Gebäude einer Stadt und ihre weltlichen oder kirchlichen Hauptsehenswürdigkeiten prägen das Bild einer Stadt - es sind dies auch die mehr oder weniger bedeutenden, die mehr oder weniger alten Häuser an den Straßen und Plätzen oder entlang des Stadtbaches, sofern sie Teil eines erhaltens- und bemerkenswerten Ensembles sind. Alle zusammen verleihen ihrem Ensemble einen unverwechselbaren Charakter, erzählen sie doch von der Geschichte des Stadtquartiers und vom Leben und Arbeiten seiner Bewohner.

Aus aktuellem Anlass finden Sie nachfolgend Überlegungen des Historischen Vereins. Es würde uns sehr freuen, wenn der eine oder andere Gedanke in die politische Diskussion einfließen würde und zum Erhalt unseres außergewöhnlichen Altstadtensembles beitragen könnte.

Essay "Memmingens erste Malzfabrik – Historische Gewerbestandort und städtbaulicher Akzent" (2015)

1871 eröffnete August Forster an der Ecke Bahnhof-/Kalchstraße eine Malzfabrik. Zur Jahrhundertwende arbeiteten 6 bis 7 Personen an sieben Tagen in der Malzfabrikation. An ein großes Gerste-Magazin im Südflügel der Malzfabrik (mit einem großen Malzkeller im Untergeschoss) schlossen sich im Nord- und Westflügel die Wohnräume für Eigentümer und Dienstpersonal an, die jedoch schon bald im Erdgeschoss für gewerbliche Zwecke genutzt wurden. Im hinteren Bereich überragte eine mehrstöckige, kohlebefeuerte Malzdarre das Anwesen. In diesem Turm wurde das Malz am Ende des Produktionsprozesses (Reinigen und Einweichen der Gerste, anschließend Keimen zur Bildung von Enzymen) getrocknet. August Forsters Sohn und Nachfolger Josef Forster war auch Handelsrichter beim Landgericht Memmingen und Mitglied des Aufsichtsrates der 1913 gegründeten Volksbank Memmingen. Seine besondere gesellschaftliche Stellung kam auch in der Verleihung des Titels „Kommerzienrat“ zum Ausdruck. 1906 ging die Malzfabrik als Werk 4 in den Besitz der bekannten „Münchner Export-Malzfabrik AG“ über. Im Jahr 1957 erwarb die Hirschbrauerei Graf (Ottobeuren) das Gebäude mit der Absicht, im südlichen Trakt ein Hotel mit Bar und bürgerlichem Restaurant einzurichten. Im Erdgeschoss des Eckbaues fand schließlich ein „Feneberg-Selbstbedienungsladen“ Aufnahme, der nach seiner Eröffnung im Herbst 1958 zum Tagesgespräch in Memmingen wurde.