Historischer Verein Memmingen

Geschichtsforschung - Heimatpflege - Denkmalschutz

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Memminger Streiflichter 1618-1648

Wie verändert Krieg die Lebenswelt einer reichsstädtischen Gesellschaft? Welchen Anteil nehmen Krieg, Glaubensauseinandersetzungen, Inflation und ansteckende Krankheiten am Leben von Memmingerinnen und Memmingern während des Dreißigjährigen Krieges.

Seit Herbst 2015 sucht eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins Memmingen e.V. nach Spuren in Archivalien und Chroniken. Im Juli 2016 und Oktober 2017 wurden erste Ergebnisse präsentiert. Nun folgt eine dritte Lesung:

"Leben - Stadt - Krieg. Memminger Streiflichter 1618-1648"
Samstag, 12. Oktober 2019, 19 Uhr in der Memminger Frauenkirche

Die erbetenen und gesammelten Spenden wurden und werden zugunsten Notleidender in Kriegsgebieten verwendet. Der Ort der Veranstaltung - die spätgotische Frauenkirche - war seit 1549/69 Simultankirche und damit in besonderem Maße Schauplatz der konfessionellen Auseinandersetzungen während des Dreißigjährigen Krieges - und darüberhinaus bis in die Jahre nach der Mediatisierung der Reichsstadt Memmingen.

Bearbeitete Lebensbilder

Stadtregiment, Diplomatie, Krieg und Chronik

Bürgerschaft, Handwerk und Handel, Bauer 

Gesundheit und Sozialwesen

Geistlichkeit, Schulwesen und Kultur

Der Gesandte

Melchior Egloff Stebenhaber (1605-1649) ist Sohn des Memminger Bürgermeisters Hans Ludwig Stebenhaber. Als Edelpage des Landgrafen zu Stülingen, Bruder des Erbmarschalls von Pappenheim, erhält er eine hohe, ja höfische Ausbildung sowie Unterricht in Reiten, Fechten, Büchsenmeisterei und Fortifikation. Nach seiner Eheschließung mit Regina Stoll ist er ab 1631 Mitglied der adeligen Gesellschaft zu Ravensburg. 1634/35 findet man ihn als Offizier in schwedisch-weimarischen Diensten. Ab 1644 lebt er mit seiner Familie in Memmingen, wo er zum Kriegsherrn berufen wird. 1648/49 verhandelt er als Vertreter der Reichsstadt die Ablösesumme für die schwedischen Truppen. Wohl an den Folgen der strapaziösen Reisen verstirbt er im Alter von 44 Jahren 1649. (Christa Koepff)

Literatur:

  • Westermann, Askan: Untersuchungen zur Stebenhaber-Chronik in der Memminger Stadtbibliothek, in: Memminger Geschichtsblätter, S. 20.

Quellen:

  • Stebenhaber-Familienchronik in der Handschriftenabteilung der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Memmingen
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Der Syndikus

Gefahr droht der Reichsstadt nicht nur durch feindliche Truppen, sondern auch durch Bestrebungen des Augsburger Bischofs, die einstmalige Niederlassung der Antoniter mit einem ihm gewogenen Geistlichen zu besetzen. Die Stadt lehnt ab, da die Bewerber weder dem Antoniterorden angehörten noch von diesem eingesetzt seien. Als der Bischof 1629 Jesuiten in sein Haus bei der Frauenkirche einquartiert, erklärt sich die Reichsstadt bereit, das Antonierhaus, das inzwischen als evangelischer Pfarrhof genutzt wird, einem Antoniterpräzeptor zu überlassen. Jakob Jenisch muss als Syndikus die Stadtobrigkeit auch in dieser Angelegenheit beraten. Nach seinem Studium der „freien Künste“ hatte er eine Reise durch Italien unternommen, in Basel 1599 den Doktortitel erhalten und seither die Stadt auf Reichs- und Kreistagen vertreten. 1632 gerät er in die Gefangenschaft kroatischer Truppen; 1633 wird er mit dem gesamten Rat von kaiserlichen Truppen nach Tirol verschleppt. (Christa Koepff)

 

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Der Chronist

Mit seiner umfangreichen Memminger Chronik hat uns Sebastian Dochtermann nicht nur eine Dokumentation von Ereignissen zwischen 1618 und 1660 hinterlassen, sondern auch ein emotionales Dokument vom Leben und Sterben in Memmingen, von der Angst und Sorge um die städtische Gemeinschaft und vom Vertrauen auf Gott als den Retter aus Unglück und Not. (Adolf Lehnberger)

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Der Söldner

Peter Hagendorf, ein Müllerssohn aus der Gegend von Magdeburg, ist seit 1625 als Söldner quer durch Europa unterwegs und an Feldzügen von Verona bis Lüttich, von Straubing bis Stralsund beteiligt. Von Herbst 1647 bis Herbst 1649 ist sein Schicksal schließlich eng mit dem unserer Stadt Memmingen verknüpft. In seinem Tagebuch erzählt er, wie seine Kinder im großen Krieg sterben, wie Häuser und Felder geplündert werden, wie Bauern verbrennen und Städter ertrinken. In Memmingen schildert er die Freude, die der Friedensschluss von Münster und Osnabrück auslöste; er lässt uns miterleben, wie er hier seinen Sohn, nach langer Trennung wieder zu sich holt. (Hans-Wolfgang Bayer)

Literatur:

  • Peters, Jan (Hg.): Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg (Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit, Bd. 14), Göttingen 2012

  • Peter Burschel: Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges. In: Benigna von Krusenstjern, Hans Medick (Hg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 148), 2. Aufl., Göttingen 2001, S. 181–194

Quellen:

  • Tagebuch des Söldners Peter Hagendorf in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin
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Der Kartograph

Christoph Hurter (ca. 1577-1635) ist Bürger der Reichsstadt Memmingen. 1619 lässt er die von ihm gezeichnete erste „Karte des Illerstroms und des beidseitig umliegenden Allgäus“ von einem Augsburger Kupferstecher stechen und drucken. 1623 wird er Oberbaumeister seiner Heimatstadt und bringt zwei Jahre später eine „Alemanienkarte“ (Oberschwaben) heraus. Das kartographische Werk des 1635 wohl an der Pest Verstorbenen behält Gültigkeit bis weit in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein (Friedemann Bombe).

Literatur:

  • Zollhoefer, F.: Die älteste Karte des Allgäus. Christoph Hurters Karte des Illerstroms und beiderseits umliegenden Allgäus, in: Allgäuer Heimatbücher, Bd. 38, Kempten 1949
  • Pfeifer, Wolfgang: Die Familie Hurter und ihr Einfluss auf die Kartographie Bayerisch-Schwabens, in: Allgäuer Geschichtsfreund 97, 1997, S. 5-10
  • Fischer, Hanspeter: Die Schwabenkarte von Johann Christoph Hurter aus dem Jahr 1679, in: Im Oberland. Kultur - Geschichte - Natur. Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu, 21. Jg. 2010, H. 2, S. 21-28
  • Ruthardt Oehme: Die Geschichte der Kartographie des deutschen Südwestens. Hrsg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Arbeiten zum Historischen Atlas von Südwestdeutschland, Band 3, Jan Thorbecke, Konstanz und Stuttgart 1961

Quellen:

  • Schwaben: in XXVIII übereintreffenden Tabellen vorgestellet ; Mit Römisch Kay. May. Allergnädigster Freyheit = Geographica Provinciarum Sveviae Descriptio, von Johann Christoph Hurter, beteiligte Stecher Melchior Küsel und Johann Stridbeck der Ältere, gedruckt bei Hans Georg Bodenehr, Augsburg 1679
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Der Kaufmann

Zwischen 1585 und 1606 kommen Mitglieder der Familie Zoller „der Augsburger Confession wegen“ aus Feldkirch nach Memmingen. Eine besondere Rolle spielt dabei Georg Zoller (1601- 1674), der wesentlich dazu beiträgt, dass sich Fernhandel, Reichtum und Einflussmöglichkeiten der Familie auf die städtische Politik vermehren. Einige Jahre wirkt in Venedig. 1643 geht er schließlich „wegen freierer Ausübung der evangelischen Religion“ nach Augsburg und kehrt erst 1671 wieder in seine Geburtsstadt zurück. (Herbert Heuß)

Literatur:

  • Wachter, Oskar von: Genealogien des Memminger Patriziats, masch.schr. im Stadtarchiv Memmingen

Quellen:

  • Genealogien und Dokumente im Familienarchiv Zoller im Stadtarchiv Memminge
  • Leichenpredigt auf Georg Zoller in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Memmingen
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Der Bürger

1617 erhält der 36jährige Katholik Martin Gufer aus Oberwesterheim nach seiner Eheschließung mit einer Memminger Bürgerstochter das Bürgerrecht der Reichsstadt. Gufer steht zeitweise in Diensten des Mindelheimer Pflegers Sebastian Saurzapf von Holnstein zu Utzwingen. 1626 wohnt er im Haus des Augsburger Bischofs Heinrich von Knöringen unweit der Memminger Frauenkirche. Dort wird er Zeuge der konfessionellen Spannungen, die mit der Ankunft dreier Jesuiten im September 1626, ihrer Predigten sowie der Rechtsansprüche des Bischofs auf die einstige Antoniterpräzeptorei einen neuen Höhepunkt erreichen. (Christoph Engelhard)

Quellen:

  • Korrespondenzen im Pfarrarchiv Memmingen
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Die Kindsmörderin

Über Anna Lutzin aus Memmingerberg weiß man nicht viel. Weder Eltern, Geburtsdatum, gesellschaftlicher Stand oder Beruf sind bekannt. Historisch belegt ist aber ihre Hinrichtung am 20. Oktober 1630: Nachdem sie von einem Knecht geschwängert wird, geht sie mit einem Memmingerberger eine Ehe ein und bringt bald nach der Geburt ihr Kind um. Auf Kindsmord steht damals die Todesstrafe. Üblicherweise werden Kindsmörderinnen ertränkt, aber das Memminger Gericht zeigt Milde. (Ulrike Frfr. von Castell)

Literatur

  • Kintner, Philip L.: Die schöne Judita, in: Memminger Geschichtsblätter 1991/92, S. 7-22
  • Thiel, Sybille: Strafe und Strafverfahren in der freien Reichsstadt Memmingen in den Jahren 1551-1689, Diss. Würzburg 2003
  • Schuhmann, Helmut: Der Scharfrichter. Seine Gestalt – seine Funktion (Allgäuer Heimatbücher 67), Kempten 1964
  • Rublack, Ulinka: Magd, Metz´ oder Mörderin. Frauen vor frühneuzeitlichen Gerichten, Frankfurt/Main 1998

Archivalien:

  • Urgicht im Stadtarchiv Memmingen
  • Eintrag in der Kirchenbüchern von Memmingerberg
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Der Bürger und Dorfherr

Georg Christoph Sättelin, Sprössling eines wohlhabenden Kaufmannsgeschlechts, ist nicht nur Bürger der Reichsstadt und Inhaber öffentlicher Ämter in Rat und Gericht, sondern auch Herr über Trunkelsberg, einem Teil der ehem. Herrschaft Eisenburg. Gewalt in der Ehe und Erziehungsprobleme begleiten sein Familienleben. Ab 1638 leidet er zunehmend unter Geldnot, was schließlich zum Verkauf von Trunkelsberg führt. (Ursula Hinske-Gengnagel)

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Der Dorfamman

Nach längerer Abwesenheit bemüht sich der Holzgünzer Ammann Peter Bürckle 1635, seinen Hof trotz gefahrvoller Umstände wieder zu bewirtschaften. Als einziger Bauer im von den Schweden und einem Brand zerstörten Dorf verliert er aber nach drei Jahren jegliche Zuversicht und beschließt, den Hof wieder zu verlassen. Doch seine Herrschaft, das Unterhospital, hält ihn zurück. Fünf Jahre später kehrt Caspar Scherlin nach siebenjähriger Flucht (ins bayerische Daxberg) auf Anordnung des Unterhospitals nach Holzgünz zurück und baut unter extremen Bedingungen in 25 Jahren eine neue Existenz auf. (Hermann Immerz)

 

 

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Der Stadtarzt

Christoph Schorer (1618–1671) schließt kriegsbedingt die Lateinschule erst 1639 ab, studiert danach in Straßburg Medizin und widmet sich daneben intensiv der Astronomie, Astrologie, Mathematik und der „Reinigung der deutschen Sprache“. Nach einer Studienreise (Basel) und der Promotion (Padua 1654) wird er zum Stadtarzt seiner Geburtsstadt Memmingen ernannt. Neben seiner Memminger Chronik (1660) veröffentlicht er auch medizinische Fachbücher. (Reinhard Heuß)

Literatur:

  • Braun, Friedrich: Christoph Schorer aus Memmingen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geisteslebens im 17. Jahrhundert (Einzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns Bd. 3), o.O. 1926
  • Schattenmann, Paul: Christoph Schorer, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 28, 1959, S. 184-189

Quellen:

  • Memminger Chronick oder Kurtze Erzehlung vieler denckwürdigen Sachen, die sich allda nicht allein vor alten, sondern auch zu jetzigen Zeiten, bevorab in verwichenem dreyssigjährigen Krieg begeben und zugetragen von anno 369 biß 1660, sampt einer kurtzen Beschreibung der Statt neben ihrem Grundriß in Kupffer, mit sonderbahrer Mühe zusammengetragen und den Liebhabern der alten Geschichten zum besten in den Truck verfertiget, durch Christoph Schorern, der freyen Künsten und der Artzney D. Fürstl. Würtenbergis. Mümpelgartischen Rath und bestellten Physicum zu Memmingen, MDCLX Ulm, getruckt und verlegt durch Balthasar Kühnen, bestellten Buchdruckern und Händlern daselbst
  • VD 17 (Schorer-Veröffentlichungen im Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts)
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Der Apotheker

1599 heiratet der gebürtige Weißenburger Johann Vogt (1582-1632) die Witwe des Memminger Mohrenapothekers, Susanna Albrecht, und übernimmt dessen Anwesen (später Zollerhaus). Offenbar bringt er die marode Apotheke rasch wieder in Schwung und er genießt bald hohes Ansehen, was sich in verschiedenen öffentlichen Ämtern dokumentiert. 1627 zieht sich Hans Vogt aus Altersgründen aus dem Geschäft zurück; im gleichen Jahr stirbt sein Sohn Bero Albrecht, Reiter unter Oberst Piccolomini. (Adolf Lehnberger)

Quellen:

  • Archivalien: Apothekerordnungen, Apothekertaxen und Korrespondenzen der Apotheker mit dem Rat der Reichsstadt im Stadtarchiv Memmingen
  • Apothekertaxe 1626 (Digitalisat des Stadtarchivs Memmingen)
  • Dokumente zur Hausgeschichte im Familienarchiv Zoller im Stadtarchiv Memmingen
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Die Pfründnerin im Spital

Im Heilig-Geist-Spital lebt eine Frau namens Anna, wegen ihrer Geisteskrankheit in den Quellen meist „Anna Närrin“ genannt. Durch ihre katholische Konfessionszugehörigkeit gerät die gebürtige Hindelangerin in den Konfessionskonflikt, der auch in den reichsstädtisch verwalteten Sozialeinrichtungen Spuren hinterlässt. (Ulrike Frfr. von Castell)

 

 

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Der Wundarzt

Im März 1647 wird die Reichsstadt Memmingen von schwedischen Truppen besetzt. Aus Handwerksgesellen wird eine Wachkompagnie gebildet; alle Einwohner sind zum Schanzen verpflichtet. Vom 20. September bis 13. November beschießen bayerische Regimenter mit mehr als 5000 Kanonenkugeln die Stadt. Auf beiden Seiten sterben Menschen. Auf Anordnung des schwedischen Stadtkommandanten müssen die Memminger Wundärzte auch verwundete Soldaten versorgen. Einer von ihnen ist der langjährige Barbierer Johannes Rauchenberger. Wegen der Abrechnung medizinischer Dienstleistungen gerät er in Konflikt mit seinem Stadtregiment. (Christoph Engelhard)

 

 

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Der Pfarrer und seine Enkelin

Sibylla Schuster (1639–1685), Tochter eines Memminger Goldschmieds, wächst im Haushalt ihres Großvaters, des evangelischen Pfarrers Peter Funk (ca. 1580-1647) auf, der 1628 aus Erkheim vertrieben worden war und seither als Pfarrer der Memminger Frauenkirche wirkt. Peter Funk predigt über den allgemeinen Verfall von Sitte und Moral und gegen Krieg, Pest und Inflation. Wohl in seiner Amtszeit werden die mittelalterlichen Fresken übertüncht. Seine Enkelin Sibylla verarbeitet später als erwachsene Frau die Wirren des Krieges und die Rivalität zwischen den beiden Konfessionen in ihrem barocken Trauerspiel „Ophiletes“. Sie ist damit eine der ersten Frauen, die es wagen, als Dichterin öffentlich in Erscheinung zu treten. (Ursula Hinske-Gengnagel)

Literatur:

  • Hinske -Gengnagel, Ursula: Sibylla Schuster. Eine Barockdichterin aus Memmingen, in: Memminger Geschichtsblätter 2008, S. 29 ff. (mit Edition des barocken Trauerspiels "Ophiletes")
  • Hinske -Gengnagel, Ursula: Sibylla Schuster (1639- 1685), in: Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.: Memminger Frauen. Biographien, Geschichten, Bilder, Mering 2012, S. 171 -173

Quellen

  • „Drey Predigten Vom Kriege: Die Erste: Woher der Krieg komme? Die Ander: Umb welcherley Sünden sillen fürnämblich / Gott der Herr diese greuliche Straffe deß Kriegs uber die Menschen schicke? Die dritt: Wie dem Krieg vorzubawen oder abzuhelffen seye. Gehalten zu OberErkheim im Majo 1619 Durch M. Petrum Funckium derzeit Evangelischen Pfarrern daselbsten. Luc. 13,2&2 […] Getruckt zu Kempten bey Christoff Krausen, Anno MDCXXI [1621]“
  • Schuster, Sibylle: Verkehrter Bekehrter und wider bethörter Ophiletes, 1685 (barockes Trauerspiel) (Digitalisat der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar)
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Der Mesner

Seit 1569 war die Nutzung des Kirchenraumes von Unser Frauen durch Katholiken und Protestanten vertraglich geregelt. Der (protestantischen) Mesner Peter Geiger muss die Bedürfnisse beider Konfessionen befriedigen, also etwa zur rechten Zeit die Glocken läuten. Doch der Augsburger Bischof stellt das Simultaneum grundsätzlich in Frage und erhebt Ansprüche auf alle seit der Reformation protestantisch verwaltete Kirchengüter. (Christoph Engelhard)

 

 

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Der Religionsagent

Jerg Miller, genannt Schnagg, ist einer von ungefähr 500 katholischen Bürgern Memmingens. Er wird zum Religionsagenten im Dienste des Mindelheimer Pflegers, der im Auftrag Kurfürst Maximilians I. von Bayern handelt. Ein Spitzel also, der über die Einhaltung altgläubiger Pflichten zu wachen hat. Als Verräter verachtet hat Miller in Memmingen keinen leichten Stand und lässt sich 1626 als Söldner anwerben. Ein Schicksalsschlag bringt die Existenz des Religionsagenten vollends ins Wanken: Am Fronleichnamstag wird seine Frau erhängt in ihrer Kammer aufgefunden. (Petra Arend)

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Der Kreuzherr

Pater Georg Steiger (gest. 1635), Vorstand des Kreuzherrnklosters, ist der führende katholische Geistliche vor Ort. Er sorgt sich um die katholische Menschen in Stadt und Spitälern – und sorgt mit Fronleichnamsprozessionen für Aufsehen in der mehrheitlich protestantischen Stadt. Als es dem Augsburger Bischof 1626 gelingt, Jesuiten zur Unterstützung der Kreuzherren nahe der Kirche Unser Frauen unterzubringen, spitzen sich die konfessionellen Konflikte zu, ehe sie dann aber in den 30er Jahren durch die schlimmen Kriegsumstände nach und nach überdeckt und verdrängt werden. (Christoph Engelhard)

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Der Superintendent

Seit 1628 steht Michael Laminit (1558-1647) dem protestantischen Memminger Kirchenwesen als „Senior“ oder „Superintendent“ vor. Seine Sorge gilt dem Wohl der ihm anvertrauten Menschen. Zum Advent 1630 versucht er mit einer neuen „Zuchtordnung“ die vermutlich während der Wallensteinschen Besetzung der Stadt gelittene Sitte und Moral wieder in gute Bahnen zu lenken. Mehrfach wechseln in seiner Amtszeit (bis 1639) die äußeren Rahmenbedingungen – mal nehmen kaiserliche Truppen Memmingen zum Quartier (1630 Generallissimus Wallenstein), mal neigt sich das Pendel hin zur protestantischen Seite (1632 Schwedenkönig Gustav Adolf). Memmingen wird zum Kriegsschauplatz – aus einem Glaubenskrieg wird ein menschenverachtender Kampf um Macht, Herrschaft und Einfluss in Europa. In den Tagen der Belagerung Memmingens durch kaiserliche Truppen 1647 verstirbt Michael Laminit im hohen Alter von 89 Jahren. (Herbert Heuß)

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Der Schulrektor

Die enge Verbindung von Kirche und Schule zeigt sich in der Biographie des Paul Prommer. Der Schwiegersohn von Pfarrer Peter Funk d.J. hilft nach seinem Studium in Tübingen seinem Schwiegervater beim Predigtdienst in Unser Frauen, wird dann aber 1597 zum Rektor der Memminger Lateinschule bestellt. Das Amt versieht er bis zu seinem Tod 1637. Beeinträchtigt von Einquartierungen und Besetzungen durch auswärtige Truppen kümmert er sich um einen möglichst geordneten Schulalltag. (Petra Arend)

 

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Der Meistersinger

Im ersten Stammbuch der Memminger Meistersinger ist Michael Schuster mit sieben Einträgen zu Gesängen verzeichnet. Als Schriftführer führt er mit dem Rat Verhandlungen wegen der Stube auf dem Pfannenstil (Salzstadel). In den Quellen erscheint Michael, verheiratet mit Elisabetha Funk, als treusorgender Familienvater seiner sechs Töchter und vier Söhne. Drei Söhne dürfen studieren; der vierte folgt seinem Vater im Amt des Steuerschreibers nach, das Michael über 30 Jahre bis zu seinem Tod ausübt. Fast genauso lang ist Michael Schuster Pfleger bei Unser Lieben Frauen. (Claudia Berg)

 

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Der Prediger

Als Sohn von Glaubensflüchtlingen aus dem Salzburgischen wird Johannes Ehrhart in Augsburg geboren. Bereits sein Großvater Florian war Pfarrer, und diesen Beruf ergreift auch Johannes. Bereits 1630 übernimmt er eine der Pfarrstellen an Sankt Martin. Ein bewegendes Beispiel seiner Tätigkeit ist die Predigt zum Westfälischen Frieden im Jahr 1648: „Der schändliche Krieg hat Teutschland gefressen, […] hat unser Vaterland zerrissen. […] Aber der Herr hat große Friedensfreude gemacht, große Friedensfreude dieser Stadt Memmingen, […] auf dem Rat und Steurhaus, […] in unsern Wohnhäusern, Schreibstuben und Werkstätten.“ 1661 erfolgt die Ernennung Ehrharts zum Superintendenten. (Herbert Heuß)

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Chronik-Übertragungen

Weitgehend abgeschlossen ist die buchstabengetreue Übertragung einschlägiger handschriftlicher Chroniken, darunter die Chroniken folgender Personen:

  • Johannes Kimpel: Übertragung für die Jahre 1616-1622 abgeschlossen, Verschlagwortung in Bearbeitung (Christoph Engelhard)
  • Sebastian Dochtermann: Übertragung für die Jahre 1630-1634 abgeschlossen, Verschlagwortung in Bearbeitung (Adolf Lehnberger), Einträge zum Aufenthalt Wallensteins in Memmingen 1630 online Öffnet externen Link in neuem Fensterhier (Christoph Engelhard)
  • Michael Fretscher: Übertragung für die Jahre 1618-1633 abgeschlossen, Verschlagwortung in Bearbeitung, Eintrag zum Aufenthalt Wallensteins in Memmingen 1630 online Öffnet externen Link in neuem Fensterhier) (Christoph Engelhard)
  • Christoph Schorer: Verschlagwortung für die Jahre 1618-1649 derzeit in Bearbeitung (Reinhard Heuß)

Die Chronik eines anonymen Schreibers, die ebenso wie die vorhin genannten in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Memmingen aufbewahrt wird, wartet noch auf ihre vollständige Übertragung.

 

 

Literatur zur Memminger Stadtgeschichte im Konfessionszeitalter

  • Kintner, Philip L.: Memmingen in den vergessenen Jahren 1550-1600, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 457-540
  • Wolf, Thomas: Memmingen im 17. Jahrhundert, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 541-677
  • Wolf, Thomas: Reichsstädte in Kriegszeiten. Untersuchungen zur Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte von Isny, Lindau, Memmingen und Ravensburg im 17. Jahrhundert (Memminger Forschungen 2), Memmingen 1991
  • Huber-Sperl, Rita: Reichsstädtisches Wirtschaftsleben zwischen Tradition und Wandel, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 679-782
  • Jakob Friedrich Unold: Geschichte der Stadt Memmingen im Dreißigjährigen Krieg, Memmingen 1819 ff.
  • Jahn, Wolfgang, Josef Kirmeier, Thomas Berger und Evamaria Brockhoff (Hg.): „Geld und Glaube“. Leben in evangelischen Reichsstädten (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bd. 37), Augsburg 1998