Historischer Verein Memmingen

Geschichtsforschung - Heimatpflege - Denkmalschutz

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Memminger Streiflichter 1618-1648

Wie verändert Krieg die Lebenswelt einer reichsstädtischen Gesellschaft? Welchen Anteil nehmen Krieg, Glaubensauseinandersetzungen, Inflation und ansteckende Krankheiten am Leben von Memmingerinnen und Memmingern während des Dreißigjährigen Krieges.

Seit Herbst 2015 sucht eine Arbeitsgruppe des Historischen Vereins Memmingen e.V. nach Spuren in Archivalien und Chroniken. Im Juli 2016 werden erste Ergebnisse in zwei Veranstaltungen präsentiert:

"Leben - Stadt - Krieg. Memminger Streiflichter 1618-1648"
Samstag, 16. Juli, 19 Uhr und nochmals während der Wallensteinspiele
Samstag, 30. Juli, 16 Uhr.

Der Eintritt ist frei. Die erbetenen Spenden werden zugunsten Notleidender in Kriegsgebieten verwendet.

Der Ort der Veranstaltungen ist bewusst gewählt, wurde die spätgotische Frauenkirche doch 1549/69 zur Simultankirche und damit in besonderem Maße zum Schauplatz der konfessionellen Auseinandersetzungen während des Dreißigjährigen Krieges - und bis in die Jahre nach der Mediatisierung der Reichsstadt Memmingen.

Derzeit werden einschlägige handschriftliche Chroniken buchstabengetreu übertragen bzw. die den Dreißigjährigen Krieg betreffenden Einträge mit Stichwortregistern erschlossen, darunter die Chroniken folgender Personen:

  • Johannes Kimpel: Übertragung für die Jahre 1616-1622 abgeschlossen (Christoph Engelhard)
  • Sebastian Dochtermann: Übertragung für die Jahre 1630-1634 abgeschlossen (Adolf Lehnberger), Einträge zum Aufenthalt Wallensteins in Memmingen 1630 online hier (Christoph Engelhard)
  • Michael Fretscher: Übertragung für die Jahre 1618-1633 abgeschlossen, Eintrag zum Aufenthalt Wallensteins in Memmingen 1630 online hier) (Christoph Engelhard)
  • Christoph Schorer: Verschlagwortung für die Jahre 1618-1649 derzeit in Bearbeitung (Reinhard Heuß)

Auf der Grundlage von Literatur und Quellen konnten bislang "Streiflichter" für folgende Personen erarbeitet werden:

Literatur zur Memminger Stadtgeschichte im Konfessionszeitalter finden Sie hier.

Der Kartograph

Christoph Hurter (ca. 1577-1635) ist Bürger der Reichsstadt Memmingen. 1619 lässt er die von ihm gezeichnete erste „Karte des Illerstroms und des beidseitig umliegenden Allgäus“ von einem Augsburger Kupferstecher stechen und drucken. 1623 wird er Oberbaumeister seiner Heimatstadt und bringt zwei Jahre später eine „Alemanienkarte“ (Oberschwaben) heraus. Das kartographische Werk des 1635 wohl an der Pest Verstorbenen behält Gültigkeit bis weit in die 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts hinein (Friedemann Bombe).

Literatur:

  • Zollhoefer, F.: Die älteste Karte des Allgäus. Christoph Hurters Karte des Illerstroms und beiderseits umliegenden Allgäus, in: Allgäuer Heimatbücher, Bd. 38, Kempten 1949
  • Pfeifer, Wolfgang: Die Familie Hurter und ihr Einfluss auf die Kartographie Bayerisch-Schwabens, in: Allgäuer Geschichtsfreund 97, 1997, S. 5-10
  • Fischer, Hanspeter: Die Schwabenkarte von Johann Christoph Hurter aus dem Jahr 1679, in: Im Oberland. Kultur - Geschichte - Natur. Beiträge aus Oberschwaben und dem Allgäu, 21. Jg. 2010, H. 2, S. 21-28
  • Ruthardt Oehme: Die Geschichte der Kartographie des deutschen Südwestens. Hrsg. von der Kommission für geschichtliche Landeskunde in Baden-Württemberg. Arbeiten zum Historischen Atlas von Südwestdeutschland, Band 3, Jan Thorbecke, Konstanz und Stuttgart 1961

Quellen:

  • Schwaben: in XXVIII übereintreffenden Tabellen vorgestellet ; Mit Römisch Kay. May. Allergnädigster Freyheit = Geographica Provinciarum Sveviae Descriptio, von Johann Christoph Hurter, beteiligte Stecher Melchior Küsel und Johann Stridbeck der Ältere, gedruckt bei Hans Georg Bodenehr, Augsburg 1679
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Der Chronist

Christoph Schorer (1618–1671) schließt kriegsbedingt die Lateinschule erst 1639 ab, studiert danach in Straßburg Medizin und widmet sich daneben intensiv der Astronomie, Astrologie, Mathematik und der „Reinigung der deutschen Sprache“. Nach einer Studienreise (Basel) und der Promotion (Padua 1654) wird er zum Stadtarzt seiner Geburtsstadt Memmingen ernannt. Neben seiner Memminger Chronik (1660) veröffentlicht er auch medizinische Fachbücher. (Reinhard Heuß)

Literatur:

  • Braun, Friedrich: Christoph Schorer aus Memmingen. Ein Beitrag zur Geschichte des deutschen Geisteslebens im 17. Jahrhundert (Einzelarbeiten aus der Kirchengeschichte Bayerns Bd. 3), o.O. 1926
  • Schattenmann, Paul: Christoph Schorer, in: Zeitschrift für bayerische Kirchengeschichte 28, 1959, S. 184-189

Quellen:

  • Memminger Chronick oder Kurtze Erzehlung vieler denckwürdigen Sachen, die sich allda nicht allein vor alten, sondern auch zu jetzigen Zeiten, bevorab in verwichenem dreyssigjährigen Krieg begeben und zugetragen von anno 369 biß 1660, sampt einer kurtzen Beschreibung der Statt neben ihrem Grundriß in Kupffer, mit sonderbahrer Mühe zusammengetragen und den Liebhabern der alten Geschichten zum besten in den Truck verfertiget, durch Christoph Schorern, der freyen Künsten und der Artzney D. Fürstl. Würtenbergis. Mümpelgartischen Rath und bestellten Physicum zu Memmingen, MDCLX Ulm, getruckt und verlegt durch Balthasar Kühnen, bestellten Buchdruckern und Händlern daselbst
  • VD 17 (Schorer-Veröffentlichungen im Verzeichnis der im deutschen Sprachraum erschienenen Drucke des 17. Jahrhunderts)
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Der Apotheker

1599 heiratet der gebürtige Weißenburger Johann Vogt (1582-1632) die Witwe des Memminger Mohrenapothekers, Susanna Albrecht, und übernimmt dessen Anwesen (später Zollerhaus). Offenbar bringt er die marode Apotheke rasch wieder in Schwung und er genießt bald hohes Ansehen, was sich in verschiedenen öffentlichen Ämtern dokumentiert. 1627 zieht sich Hans Vogt aus Altersgründen aus dem Geschäft zurück; im gleichen Jahr stirbt sein Sohn Bero Albrecht, Reiter unter Oberst Piccolomini. (Adolf Lehnberger)

Quellen:

  • Archivalien: Apothekerordnungen, Apothekertaxen und Korrespondenzen der Apotheker mit dem Rat der Reichsstadt im Stadtarchiv Memmingen
  • Apothekertaxe 1626 (Digitalisat des Stadtarchivs Memmingen)
  • Dokumente zur Hausgeschichte im Familienarchiv Zoller im Stadtarchiv Memmingen
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Der Kaufmann

Zwischen 1585 und 1606 kommen Mitglieder der Familie Zoller „der Augsburger Confession wegen“ aus Feldkirch nach Memmingen. Eine besondere Rolle spielt dabei Georg Zoller (1601- 1674), der wesentlich dazu beiträgt, dass sich Fernhandel, Reichtum und Einflussmöglichkeiten der Familie auf die städtische Politik vermehren. Einige Jahre wirkt in Venedig. 1643 geht er schließlich „wegen freierer Ausübung der evangelischen Religion“ nach Augsburg und kehrt erst 1671 wieder in seine Geburtsstadt zurück. (Herbert Heuß)

Literatur:

  • Wachter, Oskar von: Genealogien des Memminger Patriziats, masch.schr. im Stadtarchiv Memmingen

Quellen:

  • Genealogien und Dokumente im Familienarchiv Zoller im Stadtarchiv Memminge
  • Leichenpredigt auf Georg Zoller in der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Memmingen
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Der Pfarrer und seine Enkelin

Sibylla Schuster (1639–1685), Tochter eines Memminger Goldschmieds, wuchs im Haushalt ihres Großvaters, des evangelischen Pfarrers Peter Funk (ca. 1580-1647) auf, der 1628 aus Erkheim vertrieben worden war und seither als Pfarrer der Memminger Frauenkirche wirkte. Sibylla verarbeitete später als erwachsene Frau die Wirren des Krieges und die Rivalität zwischen den beiden Konfessionen in ihrem barocken Trauerspiel „Ophiletes“. Sie war damit eine der ersten Frauen, die es wagten, als Dichterin öffentlich in Erscheinung zu treten. (Ursula Hinske-Gengnagel)

Literatur:

  • Hinske -Gengnagel, Ursula: Sibylla Schuster. Eine Barockdichterin aus Memmingen, in: Memminger Geschichtsblätter 2008, S. 29 ff. (mit Edition des barocken Trauerspiels "Ophiletes")
  • Hinske -Gengnagel, Ursula: Sibylla Schuster (1639- 1685), in: Frauengeschichtswerkstatt Memmingen e.V.: Memminger Frauen. Biographien, Geschichten, Bilder, Mering 2012, S. 171 -173

Quellen

  • „Drey Predigten Vom Kriege: Die Erste: Woher der Krieg komme? Die Ander: Umb welcherley Sünden sillen fürnämblich / Gott der Herr diese greuliche Straffe deß Kriegs uber die Menschen schicke? Die dritt: Wie dem Krieg vorzubawen oder abzuhelffen seye. Gehalten zu OberErkheim im Majo 1619 Durch M. Petrum Funckium derzeit Evangelischen Pfarrern daselbsten. Luc. 13,2&2 […] Getruckt zu Kempten bey Christoff Krausen, Anno MDCXXI [1621]“
  • Schuster, Sibylle: Verkehrter Bekehrter und wider bethörter Ophiletes, 1685 (barockes Trauerspiel) (Digitalisat der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar)
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Der Bürger

1617 erhält der 36jährige Katholik Martin Gufer aus Oberwesterheim nach seiner Eheschließung mit einer Memminger Bürgerstochter das Bürgerrecht der Reichsstadt. Gufer steht zeitweise in Diensten des Mindelheimer Pflegers Sebastian Saurzapf von Holnstein zu Utzwingen. 1626 wohnt er im Haus des Augsburger Bischofs Heinrich von Knöringen unweit der Memminger Frauenkirche. Dort wird er Zeuge der konfessionellen Spannungen, die mit der Ankunft dreier Jesuiten im September 1626, ihrer Predigten sowie der Rechtsansprüche des Bischofs auf die einstige Antoniterpräzeptorei einen neuen Höhepunkt erreichen. (Christoph Engelhard)

Quellen:

  • Korrespondenzen im Pfarrarchiv Memmingen
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Die Kindsmörderin

Über Anna Lutzin aus Memmingerberg weiß man nicht viel. Weder Eltern, Geburtsdatum, gesellschaftlicher Stand oder Beruf sind bekannt. Historisch belegt ist aber ihre Hinrichtung am 20. Oktober 1630: Nachdem sie von einem Knecht geschwängert worden war, ging sie mit einem Memmingerberger eine Ehe ein und brachte bald nach der Geburt ihr Kind um. Auf Kindsmord stand damals die Todesstrafe. Üblicherweise wurden Kindsmörderinnen ertränkt, aber das Memminger Gericht zeigte Milde ... (Ulrike Frfr. von Castell)

Literatur

  • Kintner, Philip L.: Die schöne Judita, in: Memminger Geschichtsblätter 1991/92, S. 7-22
  • Thiel, Sybille: Strafe und Strafverfahren in der freien Reichsstadt Memmingen in den Jahren 1551-1689, Diss. Würzburg 2003
  • Schuhmann, Helmut: Der Scharfrichter. Seine Gestalt – seine Funktion (Allgäuer Heimatbücher 67), Kempten 1964
  • Rublack, Ulinka: Magd, Metz´ oder Mörderin. Frauen vor frühneuzeitlichen Gerichten, Frankfurt/Main 1998

Archivalien:

  • Urgicht im Stadtarchiv Memmingen
  • Eintrag in der Kirchenbüchern von Memmingerberg
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Der Gesandte

Melchior Egloff Stebenhaber (1605-1649) war Sohn des Memminger Bürgermeisters Hans Ludwig Stebenhaber. Als Edelpage des Landgrafen zu Stülingen, Bruder des Erbmarschalls von Pappenheim, erhielt er eine hohe, ja höfische Ausbildung sowie Unterricht in Reiten, Fechten, Büchsenmeisterei und Fortifikation. Nach seiner Eheschließung mit Regina Stoll war er ab 1631 Mitglied der adeligen Gesellschaft zu Ravensburg. 1634/35 findet man ihn als Offizier in schwedisch-weimarischen Diensten. Ab 1644 lebte er mit seiner Familie in Memmingen, wo er zum Kriegsherrn berufen wurde. 1648/49 verhandelte er als Vertreter der Reichsstadt die Ablösesumme für die schwedischen Truppen. Wohl an den Folgen der strapaziösen Reisen ist er im Alter von 44 Jahren 1649 verstorben. (Christa Koepff)

Literatur:

  • Westermann, Askan: Untersuchungen zur Stebenhaber-Chronik in der Memminger Stadtbibliothek, in: Memminger Geschichtsblätter, S. 20.

Quellen:

  • Stebenhaber-Familienchronik in der Handschriftenabteilung der Wissenschaftlichen Stadtbibliothek Memmingen
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Der Söldner

Peter Hagendorf, ein Müllerssohn aus der Gegend von Magdeburg, war seit 1625 als Söldner quer durch Europa unterwegs und an Feldzügen von Verona bis Lüttich, von Straubing bis Stralsund beteiligt. Von Herbst 1647 bis Herbst 1649 ist sein Schicksal schließlich eng mit dem unserer Stadt Memmingen verknüpft. In seinem Tagebuch erzählt er, wie seine Kinder im großen Krieg sterben, wie Häuser und Felder geplündert werden, wie Bauern verbrennen und Städter ertrinken. In Memmingen schildert er die Freude, die der Friedensschluss von Münster und Osnabrück auslöste; er lässt uns miterleben, wie er hier seinen Sohn, nach langer Trennung wieder zu sich holt. (Hans-Wolfgang Bayer)

Literatur:

  • Peters, Jan (Hg.): Peter Hagendorf – Tagebuch eines Söldners aus dem Dreißigjährigen Krieg (Herrschaft und soziale Systeme in der Frühen Neuzeit, Bd. 14), Göttingen 2012

  • Peter Burschel: Himmelreich und Hölle. Ein Söldner, sein Tagebuch und die Ordnungen des Krieges. In: Benigna von Krusenstjern, Hans Medick (Hg.): Zwischen Alltag und Katastrophe. Der Dreißigjährige Krieg aus der Nähe, (Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Band 148), 2. Aufl., Göttingen 2001, S. 181–194

Quellen:

  • Tagebuch des Söldners Peter Hagendorf in der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek zu Berlin
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Literatur zur Memminger Stadtgeschichte im Konfessionszeitalter

  • Kintner, Philip L.: Memmingen in den vergessenen Jahren 1550-1600, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 457-540
  • Wolf, Thomas: Memmingen im 17. Jahrhundert, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 541-677
  • Wolf, Thomas: Reichsstädte in Kriegszeiten. Untersuchungen zur Verfassungs-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte von Isny, Lindau, Memmingen und Ravensburg im 17. Jahrhundert (Memminger Forschungen 2), Memmingen 1991
  • Huber-Sperl, Rita: Reichsstädtisches Wirtschaftsleben zwischen Tradition und Wandel, in: Jahn, Joachim, Hans-Wolfgang Bayer in Verb. mit Uli Braun: Die Geschichte der Stadt Memmingen. Von den Anfängen bis zum Ende der Reichsstadt, Stuttgart 1997, S. 679-782
  • Jakob Friedrich Unold: Geschichte der Stadt Memmingen im Dreißigjährigen Krieg, Memmingen 1819 ff.
  • Jahn, Wolfgang, Josef Kirmeier, Thomas Berger und Evamaria Brockhoff (Hg.): „Geld und Glaube“. Leben in evangelischen Reichsstädten (Veröffentlichungen zur Bayerischen Geschichte und Kultur, hg. vom Haus der Bayerischen Geschichte, Bd. 37), Augsburg 1998